Nachbericht Katrin Symens

Bericht

Wir freuen uns, dass Katrin Symens unser Gast in Berlin war und dass Sie uns Ihre Eindrücke in diesem wundervollen Text hat zukommen lassen. Besser hätten wir es nicht ausdrücken können!

Viel Spaß beim Lesen: 

Die Fashion & Dance in der Galerie Herrenhausen im Oktober 2018 ist auch in der Bundeshauptstadt auf offene Ohren gestoßen: In der Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund stellten Organisatoren, Models und TänzerInnen am 7. Februar rund 120 Gästen in einem Podiumsgespräch, Filmen und in einem eigens zu dem Anlass einstudierten Auftritt das erfolgreiche Projekt vor – ein buntes und erfolgreiches Beispiel für gelungene und nachhaltige Integration.

„Eine Chance, anzufangen“ griff die Moderatorin der Podiumsdiskussion, Simone Liedtke, am Beginn des Abends den Titel des eigens für die Show getexteten Songs auf, das sei das Motto des von Modedesignerin Susanne Kümper initiierten Projekts: eine Chance, Wege in die Zukunft aufzuzeigen. Die Show stelle einen Höhepunkt einer längeren Entwicklung dar. Tatsächlich ist Fashion & Dance das Ergebnis der Zusammenarbeit einer Vielzahl von Menschen, die in thematisch unterschiedlichen Workshops von der kreativen Gestaltung von Modekollektionen über die von Bühnenmanager Ercan Carikci koordinierten Show bis zum begleitenden, von dem hannoverschen Künstler Franz Betz verantworteten Lichtkonzept reichten, das die Models auf dem „Laufsteg“ in Herrenhausen in Szene setzte.

Mode als Mittel der Integration

Für Doris-Schröder-Köpf, an dem Abend auf dem Podium zu Gast, ist die Mode eines der beziehungsreichsten und integrierendsten Mittel schlechthin: Vom Entwerfenden über den Schneider über den Träger bis zum Betrachter würden die Menschen mitgezogen, so die Landesbeauftragte für Migration und Teilhabe in ihrem Grußwort. Mit Blick auf die Macher, Teilnehmer und Lebensumstände warb sie als Schirmherrin für das interkulturelle Projekt als Modell, das auch für die Bundeshauptstadt Vorbild sein solle. Sie zeigte sich überzeugt: „Kulturelle Vielfalt ist eine Bereicherung, aber auch eine Herausforderung!“ Julius Matuschik vom interkulturellen Projekt Cameo, in seiner Rolle als begleitender Fotograf und Filmer auf dem Podium, war für transkulturelle Begegnungen und schlug sogar vor, Fashion & Dance als Franchise-Projekt weiter in andere Städte weiterzutragen. Von ihrer ganz persönlichen Erfahrung als gecastete Teilnehmerin erzählte die Schülerin Tamy: „Das Highlight war die Gruppe!“ Sie sei zunächst schüchtern gewesen, doch das Team sei super gewesen, sie sei plötzlich „locker geworden“ und habe ein ganz neues Selbstbewusstsein entwickelt. „Auch wenn man fremden Kulturen zunächst mit Abstand begegnet: Man muss auf den Menschen zugehen, dann sieht man, dass man miteinander arbeiten kann“, sagt sie. Wie Schneider und Designer Baryalai Kamosh beschrieb, der vor zwei Jahren mit Familie aus Afghanistan vor den Taliban geflüchtet ist, bot sich bei der Show für ihn erstmals eine Gelegenheit, eine eigene Kollektion zu schneidern und zu präsentieren, die orientalisch geprägte Mode auch für europäische Frauen attraktiv und im Alltag tragbar machen sollte: eine Verbindung von orientalischen Stoffen mit Handstickerei, zwischen Figurbetonung und -verhüllung. Der 32-Jährige hatte in seiner Heimat als Schneider gearbeitet und konnte Deutschland durch einen Designer-Kurs an der Akademie Deutsche Pop dem Ziel näherkommen, in seinem Wunschberuf weiterzuarbeiten und Damengarderobe zu entwerfen – eine Arbeit, die für Männer in Afghanistan nicht möglich ist. „Ich will mit den Farben spielen, und mit meiner Mode alle Frauen anziehen, ganz gleich, ob sie Größe 34 oder 42 tragen“, betont er. Seine Kleidung solle auch für Frauen, die sich für das Kopftuch entschieden haben, tragbar sein: etwa für Frauen wie Fashion & Dance-Model Sabrina Rahimi, die sich für junge MigrantInnen im Integrationsmanagement der Stadt Hannover engagiert. Einen Perspektivwechsel in einem geschützten Raum zu vermitteln, das sei ihr wichtig gewesen, sagt sie. „Jungen Menschen Raum, Sprache, bei der gleichzeitigen Möglichkeit der Selbstbestimmung Anerkennung zu geben, das bedeute „Empowerment“.

„In der Unterschiedlichkeit liegt die Kraft“

Sichtbar machen – diese Forderung fiel immer wieder an diesem Abend. Vivica Bree, die auf ein erfolgreiches Start-up mit einer Ledertaschenkollektion zurückblicken kann, tut das auf kreative Weise: Sie und ihr Mann haben nachhaltig produzierte „Lieblingsstücke“ – so auch der Name ihrer Kollektion – entworfen, die im Rahmen der Show präsentiert wurden. Sichtbar machen – das findet auch Modedesigner und Präsident der berufsständischen Vertretung für Mode- und Textildesigner (VDMD), René Lang, wichtig. Er bescheinigte Susanne Kümper, Bewegung, Musik und Freude vorbildlich zusammengebracht zu haben.

Auch seitens der Besucher gab es positive Resonanz: Eine ältere Besucherin bewarb sich spontan als Model für die 2020 geplante Folge-Show (Bescheid seitens der Moderatorin positiv!) – und berichtete von einem soziokulturellen Nähprojekt mit Migranten in Marzahn als vergleichbarer Initiative, bei der sie sich mit ihren 70 Jahren als Model im Burka-Outfit unerwartet wohlgefühlt habe. Ein jüngerer Besucher plädierte dafür, nicht nur Migranten, sondern auch andere, etwa durch Behinderung ausgegrenzte Menschen zu integrieren, etwa ADHS- und Asperger-Syndrom-Erkrankte. „Wir sind alle gleich viel wert“, betonte VDMD-Präsident Lange am Schluss: „In der Unterschiedlichkeit liegt die Kraft!“ Er gab Susanne Kümper die unbedingte Empfehlung mit, weiterzumachen– eine Empfehlung, die die Netzwerkerin eigentlich gar nicht mehr nötig hat – ist doch das nächste Projekt, eine Fortsetzung der Fashion & Dance in Mumbai und Pune, bereits in Vorbereitung, wie sie berichtete. Ercan Carikci appellierte als weiterer Podiumsgast und Koordinator des Model- und Tänzerteams auch an diesem Tag an die Energie der Community und berichtete von der spontanen Unterstützung eines jungen Geflüchteten aus Simbabwe, dem die Abschiebung droht, durch das Team: „Wir haben eine Bewegung geschaffen, und müssen nun weiter auf dieses positive Werk pochen!“

„Cool, das mit der Gruppe zu erleben“

Und ohne diese Energie wäre wohl der Erfolg kaum möglich gewesen. Sie setzte sichtbar kreative Talente bei den TeilnehmerInnen frei: bei den teilweise kurzfristig angesetzten zeitraubenden Catwalk-Proben, dem Einstudieren der Choreografie, den gemeinsamen Parties, Videodrehs und Label-Promotion-Aktionen, um nur einige der Aktionen aufzuzählen, die im Zuge der Fashion & Dance und noch danach stattfanden.

Dabei geht es den wenigsten um die Verwirklichung beruflicher Träume, vielmehr zählt für sie das Miteinander, wie sie erzählen: Yara, schon 2016 bei der ersten Ausgabe der Fashion & Dance dabei, ist über die Bekanntschaft mit Kümpers Tochter dazugestoßen: „Die Gemeinschaft, die Gruppe sind gut, man kennt sich, es ist cool, das mit der Gruppe zu erleben“, berichtet die 16-Jährige, während Tanz- und Modelkollegin Kim ihr im Vorfeld der Aufführung die Haare flechtet. Kim kennt Choreograf und Organisator Ercan als Tanzlehrer und Coach schon lange und schätzt die Möglichkeit, beim Tanzen Emotionen auszudrücken: „Ich konnte mich mit dem Projekt identifizieren, und mich hat das neugierig gemacht: unterschiedliche Leute aus unterschiedlichen Ländern, mit verschiedene Sprachen kennenzulernen.“ Beachtliche 20 Nationen habe sie bei den Teilnehmern einmal gezählt, erinnert sie sich. „Außerdem finde ich die T-Shirts voll cool!“ Die gab’s im Übrigen als Dankeschön-Geschenk für alle Beteiligten der Präsentation.

Auch die Eritreerin Tareek stieß über die Liebe zum Tanz, den sie selber auch unterrichtet, zum Team: „Ich finde das Konzept und die Motivation toll“, erzählt die 36-Jährige und zeigt sich vor allem von der Kombination der für die Präsentation eigens einstudierten Modern-Dance-Perfomance zum Live-Gesang von Profisängerin Mira Graczyk fasziniert, die bei der Show inmitten der TänzerInnen steht und singt: „Ich gehe da waghalsig rein – habe nur zweimal mit den anderen geprobt. Ich lasse mich inspirieren von Miras Stimme – die Kombination von Oper, Gesang, Ballett, Hip-Hop sprengt alle Korsetts. Das ist lebendig, freudvoll. „Zu verdanken sei das vor allem dem Gruppenleiter, der die Fäden in der Hand hielt: „Ercan findet da intuitiv für jeden die richtige Ansprache“, meint sie.

Von der Eleganz des Orients bis zur Hip-Hop-Choreo

Die Kombination der so unterschiedlichen Ausdrucksformen, dargeboten durch Menschen aller Altersgruppen und Herkunft mit ihren so ganz verschiedenen Erfahrungen und Lebenshintergründen: Sie war es, die die Präsentation aus Catwalk, Pas-de-deux- und Gesangseinlagen und Gruppentanzperformance an diesem Abend auch für die Berliner Gäste so lebendig als Beispiel gelungener Integration vermitteln konnte und anschaulicher als jeder Wortbeitrag verdeutlichte, wie sich das Konzept mit Leben gefüllt hatte. Noch während sich die Gäste nach der Podiumsdiskussion am Büfett stärkten, betraten die Models und Tänzer das Parkett des großen, hohen Saals des Gebäudes – und zogen in wenigen Sekunden alle Aufmerksamkeit auf sich: Die professionell vorgeführten Outfits der femininen Orientkollektion von Baryarlai Kamosh, die coolen T-Shirts von Colours & Cities und die auf Nachhaltigkeit und Persönlichkeit ausgerichteten Outfits des Start-up-Labels Wayóm – wirkten je nach Typ elegant, verspielt, leger oder auf sympathische Weise selbstverständlich. Ob bei der mitreißenden Hip-Hop-Choreografie, beim akrobatischen Break Dance oder bei der elegischen und fast hypnotisch fesselnden Modern-Dance-Kombination zu Miras Gesang – waren es die Kollektionen, die faszinierten? Oder waren es doch die Menschen, ihre durch die unterschiedliche Kleidung hervorgehobene Individualität, vereint in der gemeinsamen Bewegung und der spürbaren Aufmerksamkeit füreinander, die die lebendige, positive Energie der bunt gemischten Gruppe zum Ausdruck brachte? Das Publikum war jedenfalls sichtlich beeindruckt. Und für Kim reichte im Chatroom am Ende ein einziges Wort für den Tag: „Haaaammerrr!!!“

(Kathrin Symens)